13.12.2006 Deutschlandradio

Ein Preis, den keiner will

In Brüssel wird der "Worst Lobby Award" verliehen

Ein Preis, den keiner will

In Hollywood wird alljährlich die Goldene Himbeere für besonders schlechte schauspielerische Leistungen verliehen. Diese Idee hat sich nun ein NGO-Netzwerk in Brüssel abgeschaut, und so wird dort heute Abend der "Worst Lobby Award" verliehen. Gedacht ist er übrigens nicht nur für die Interessenvertreter selbst, sondern auch für jene Politiker, die besonders offen dafür sind - gleich vier EU-Kommissare haben es geschafft, nominiert zu werden.

Ruth Reichstein berichtet: Es ist ein Preis, den keiner haben will - den Oscar für die schlimmste, oder vielleicht besser die unehrlichste Lobby-Arbeit in Brüssel. Und so wird der Abend heute ein Fest ohne Preisträger werden. Denn keiner der Nominierten für den "Worst Lobby Award" hat sein Kommen zugesagt. Weder Exxon Mobil noch die PR-Agentur Weber Shandwick und auch EU-Kommissar Günter Verheugen hat heute Abend andere Pläne.
Christine Pohl vom Verein Alter EU, einem Zusammenschluss von Nicht-Regierungsorganisationen, der den Lobby-Oscar erfunden hat, ist über die Absagen nicht erstaunt.
Die Interessen der Industrie sind natürlich per se erst einmal legitim. Die wollen Gewinn machen und das ist ja auch erst einmal ihr Auftrag. Es ist aber nicht legitim, wenn sie Taktiken anwenden, die in die Irre führen oder wenn sie zum Beispiel Unabhängigkeit vortäuschen, die aber gar nicht da ist.
Christine Pohl hat eine ganze Reihe von schlechten Beispielen der Brüsseler Lobby-Arbeit auf Lager. Besonders beliebt sei es bei den Lobbyisten, falsche Identitäten vorzutäuschen: Es gibt auch Methoden, eine Tarnorganisation einzurichten und eine angeblich unabhängige Kampagne, die auch so aussieht, wie eine Nicht-Regierungsorganisation, einzurichten. Aber in Wirklichkeit wird das dann komplett von einem Konzern finanziert.
Das hat zum Beispiel die nominierte PR-Agentur Weber Shandwick versucht. Die Lobbyisten stellten die Kampagne Cancer United auf die Beine. In der Öffentlichkeit vermittelten sie das Bild einer ausgewogenen und wissenschaftlich fundierten Kampagne gegen Krebs. Aber dann stellte sich heraus, dass das Projekt zu 100 Prozent von dem Pharmakonzern Roche finanziert worden war.
Mittlerweile aber wächst die Aufmerksamkeit in Brüssel: Die Berichterstattung über die unlauteren Methoden und der "Worst Lobby Award" lassen die Interessensvertreter in Brüssel nicht unberührt, sagt Sören Haar von eacon, einer deutschen Beratungs-Agentur.
Das ist etwas, was nicht jemanden sofort in ganz große Schwierigkeiten bringt, wenn so ein Preis vergeben wird. Und natürlich ist klar, niemand bekommt gerne diesen Preis.
Aber es ist etwas, was stark registriert wird. In diesem Fall hat auch einer der Beteiligten Geschäfte verloren durch diesen Skandal. Und es wird mit Sicherheit auch dazu führen, dass die Institutionen hier ihre Regeln noch genauer überprüfen. Zum Beispiel das Europäische Parlament. Ich bin mir sicher, dass man in Zukunft sich noch genauer die Identität anschauen wird, derjenigen, die man als Berater einstellt.
Das Thema Transparenz wird für Sören Haar und seine Branche somit zunehmend wichtiger. Denn Vorwürfe, er würde hinter verschlossenen Türen irgendwelche dubiosen Interessen vertreten und Politiker beeinflussen, muss er sich ständig anhören.
Aus unserer Sicht heißt die Lösung wirklich mehr Transparenz. Selbst wenn wir das nicht wollten, würden uns unsere Kunden immer mehr dazu drängen. Das ist jetzt die Tendenz; die Leute wollen nämlich nicht mit einem Skandal dick in der Zeitung stehen, sondern sie erwarten von uns, dass wir von vorn herein die Projekte so konzipieren, dass sie unangreifbar sind, dass wir nichts Falsches vorspiegeln, dass wir mit der Wahrheit arbeiten und dass wir gewisse Dinge offen legen.
Weil der öffentliche Druck immer größer wird, gibt es in Brüssel in der Zwischenzeit immer mehr Lobbyisten, die sich freiwillig gewissen Regeln unterwerfen - sich zum Beispiel dazu verpflichten, nie mit einer falschen Identität aufzutreten und immer offen zu legen, für wen genau sie gerade arbeiten. Trotzdem: Es gibt noch vieles zu verbessern, sagt Christine Pohl von Alter EU:
Ein gutes Beispiel ist Exxon Mobil im Klimabereich, die seit Jahren Denkfabriken fördern, also Organisationen, die den Eindruck vermitteln, sie wären unabhängig, sie würden wissenschaftliche Studien machen und die dann präsentieren, um Fakten zu stärken. So wird versucht, ein Meinungsumfeld zu schaffen, dass so aussieht, als wäre es unabhängig, die aber in Wirklichkeit hintenrum durch Exxon finanziert sind, weil Exxon da Millionen Fördermittel verteilt.
Es seien vor allem Institute, die den Klimawandel herunter spielen oder sogar ganz bestreiten, sagt Christine Pohl.
Sie und ihre Mitstreiter hoffen, dass ihr Lobby-Oscar dazu beitragen wird, die Öffentlichkeit für die Probleme des Lobbying zu sensibilisieren. Sie wünschen sich einen klaren und
verbindlichen Regelkatalog für alle Interessensvertreter in Brüssel.
© 2007 Deutschlandradio (Bild:AP)

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