Dominik Meier ist seit mehr als zehn Jahren als Politikberater in Berlin tätig. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (Degepol), die sich seit 2002 für eine Professionalisierung des Berufsbilds und verbindliche Qualitätsstandards einsetzt. Mit „Profil“ sprach Meier über das Selbstverständnis der Branche, warum man mit „Bonner Methoden“ heutzutage nicht mehr weit kommt und darüber, wie ein Mittelständler am besten seine Interessen vertritt.
Profil: Herr Meier, in Bayern gibt es ein Klischee, wie politische Interessenvertretung funktioniert: Die wichtigen Entscheidungen werden sonntags nach dem Kirchgang am Bürgermeisterstammtisch im Wirtshaus gefällt. Was ist dran an solchem Gerede?
Dominik Meier: Was Sie beschreiben, ist das alte „Bonner Modell“. Das funktioniert heute allenfalls noch in der Kommunalpolitik. In Berlin und Brüssel kann man mit „Hinterzimmerpolitik“ nur scheitern. Erstens gibt es mittlerweile viel mehr Akteure und Interessen, die in politische Entscheidungen eingebunden werden müssen. Zweitens ist die Transparenz von Politik größer geworden. Die Medien sind heutzutage viel aufmerksamer als vor 20 Jahren. Zudem hat das Internet die Zahl der Akteure und Beobachter enorm erhöht. Dies hat das Berufsbild des Politikberaters in den letzten zehn Jahren verändert. Die Arbeit ist professioneller geworden.
Profil: Wie sieht die Arbeit eines Politikberaters denn aus?
Meier: Interessenvertretung ist nur eine von drei Facetten der Politikberatung. Die Zweite, bei der ich mit meiner Agentur in den letzten Jahren verstärkt tätig bin, ist das sogenannte politische Campaigning. Hier geht es darum, möglichst viele Menschen für bestimmte Anliegen zu mobilisieren, um sich bei der Politik und in den Medien Gehör zu verschaffen.
Die dritte Seite ist die Beratung von Ministerien und Politikern durch Wissenschaftler
oder Experten aus der Praxis. Die fünf Wirtschaftsweisen oder die Mitglieder von Expertenkommissionen sind klassische „Politikberater“.
Profil: Was zeichnet den Mitarbeiter einer Politikberatungsagentur aus?
Meier: Er bringt drei wichtige Qualifikationen mit: Erstens kennt er sich mit politischen
Prozessen aus und weiß, wie man Netzwerke nutzt und pflegt. Zweitens versteht er die Medienlogik und hat die Fähigkeit, Informationen so aufzubereiten, dass sie einen Wert für Journalisten haben. Zudem hat er gute analytische Fähigkeiten, kann sich schnell in ihm sachfremde Themenfelder einarbeiten und hat einen gesunden Menschenverstand.
Kurz gesagt: Die Haupttätigkeiten eines Politikberaters sind netzwerken, kommunizieren und analysieren.
Profil: Was unterscheidet gute von schlechter Politikberatung?
Meier: In der Degepol versuchen wir seit vielen Jahren, einheitliche Qualitätsstandards
für die Politikberatung zu erarbeiten. Das ist natürlich nicht einfach: Wie will man Einfluss und Erfolg in einem so sensiblen Feld wirksam messen? Ich glaube jedoch, dass der Kunde schnell merkt, ob seine Berater etwas taugen. Es ist bei der Politikberatung nicht so, dass man einen Auftrag erteilt und in vier Monaten die Ergebnisse präsentiert bekommt. Man hat kontinuierlich Kontakt zum Berater, der einen über die aktuelle Sachlage informiert. Wenn er sich hierbei regelmäßig irrt, zum Beispiel bei der Einschätzung von politischen Entwicklungen, sollte man sich schon überlegen, ob man mit dem richtigen Partner zusammenarbeitet.
Profil: Brauchen mittelständische Unternehmen heutzutage den Beistand eines Politikberaters?
Meier: Interessenvertretung und politische Arbeit ist nicht nur die Sache großer Konzerne. Wir arbeiten zunehmend mit mittelständischen Unternehmen zusammen, die sich nicht mehr ausreichend durch ihre Branchenverbände repräsentiert fühlen.
Profil: Sind Verbände also ein Auslaufmodell?
Meier: Nein. Verbände können gar nicht auf jedes Einzelinteresse eingehen. Sie beanspruchen eine Art Deutungshoheit über das, was der kleinste gemeinsame Nenner einer Branche oder Personengruppe ist. Sie besitzen ein Anhörungsrecht im Bundestag und werden auch von Ministerien bei der Ausarbeitung von Gesetzen konsultiert. Zudem kann ein Berater in einem Politikfeld sehr selten das tiefe Fachwissen eines Verbandsmitarbeiters erwerben, der sich zum Teil seit Jahrzehnten für die Mitgliederinteressen einsetzt.
Profil: Nehmen wir an, ich bin Vorstand einer bayerischen Regionalbank oder eines mittelständischen Betriebs: Wie organisiere ich meine Interessen?
Meier: Auf Bundesebene bietet es sich an, gemeinsame Interessen durch Dachverbände
bündeln und vertreten zu lassen. Sie haben das Know-how und das Personal, um politische und mediale Kampagnen zu organisieren. Wenn es um Einzelinteressen von Regionalbanken
geht, greift man eher auf Beratungsfirmen zurück. Auf kommunaler Ebene kann man als Mittelständler oder Regionalbanker durchaus vieles selbst bewegen, wenn man ein paar Spielregeln beachtet.
Profil: Welche wären das?
Meier: Grundsätzlich gilt: Die Regeln sind überall gleich – egal, ob in den Kommunen
oder in München, Berlin und Brüssel. Das heißt, zurückhaltend sein, nicht arrogant oder polternd auftreten und sich klar machen, dass man ein Bittsteller ist. Der gravierendste Fehler, den man machen kann, ist zu glauben, dass das Ego eines Politikers kleiner sein
könnte, als das eigene. Wichtig ist zudem zu verstehen, dass die Politik anders funktioniert als die Wirtschaft. In Letzterer setzt sich in der Regel das beste Produkt am Markt durch. In der Politik behauptet sich dagegen nicht automatisch das beste Argument. Politik setzt auf Konsens: Viele Einzelinteressen müssen zu einer Kompromisslösung gebündelt werden. Was Wirtschaftsakteure häufig nicht verstehen ist, dass Politiker nicht sagen können „so wird’s gemacht“ und dann wird es erledigt, wie der Chef es will. Man muss sich immer vor Augen führen: ich bin nicht der Einzige, der sich mit einem Anliegen an Politiker wendet. Das erfordert oftmals einen sehr langen Atem.
Profil: Wenn ich Sie anheuern würde, was wären Ihre ersten Schritte, um mich bei der Vertretung meiner Interessen zu unterstützen?
Meier: Als erstes erklären wir unseren Kunden, wie der politische Betrieb funktioniert.
In einem zweiten Schritt machen wir sie fit für die Politik. Wir erklären, wie man richtig argumentiert, helfen bei der Erarbeitung einer Strategie und zeigen, wie man politische Allianzen schmiedet. Wichtig ist mir festzuhalten, dass wir nicht das Reden und Handeln übernehmen. Das macht der Kunde, wir zeigen ihm lediglich, wie es geht. Wir verfolgen eine Strategie der „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Profil: Herr Meier, vielen Dank für das Gespräch!